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Geburtsprozessbericht von Isabel

Mein Geburtsprozess

Wir sitzen im Kreis und schwingen uns ein. Alle teilen, womit sie gerade da sind, welche Gedanken und Gefühle für die kommenden Prozesse wichtig sein könnten. Wir sind zwei, die heute in ihren Geburtsprozess einsteigen werden. Schnell ist klar, dass ich beginnen werde. Es berührt mich, dass ich bekomme, was ich mir wünsche, ohne dass ich dafür kämpfen oder jemandem etwas wegnehmen musste.

Ich beginne die Runde, in der ich alle einzeln frage, ob sie bereit sind, mich in meinem Prozess zu begleiten und zu unterstützen. Beim ersten Fragen spüre ich grosse Angst, dass ein „Nein“ zurückkommen könnte. Ich weine und lasse diese Angst durch mich hindurch fliessen. Es kommt ein „Ja“. Jedes Ja in dieser Runde berührt mich sehr, ich weine viel. Zusätzlich zu den anwesenden Menschen habe ich den Impuls, Mutter Erde um Begleitung und Unterstützung zu bitten. Ihre Antwort ist das Gefühl einer grossen und liebevollen Umarmung.

Zu Beginn des Prozesses darf ich meine Absicht definieren. Mein Thema ist, dass ich oft den Eindruck habe, dass mein inneres Stresslevel viel höher ist, als es der Situation im Jetzt angemessen wäre. Dadurch kann ich mich auch im zwischenmenschlichen Kontakt nicht soweit genährt fühlen, wie es möglich wäre, wenn mein System sich entspannen könnte. Der Ursprung dieser Anspannung liegt sehr wahrscheinlich bei meiner Mutter.  Sie machte sich während der Schwangerschaft und auch nach meiner Geburt viele Sorgen, ihr System war in ständiger Alarmbereitschaft und ihr Körper dadurch immer in einer Anspannung. Ich setze meine Absicht folgendermassen: „Ich bin in der Ruhe und fähig zu fühlen. Wenn im Jetzt etwas ist, kann ich darauf reagieren.“ 

Ich sitze angelehnt an ein grosses Kissen, eingekuschelt in eine Decke da und schaue immer wieder in den Kreis um mich. Finde in den Augen liebevolle Präsenz und die Bereitschaft zu tun, was ich als Unterstützung brauche. Ich wünsche mir Halt durch Berührung und nehme die Hand von meinem Partnermenschen. In mir kommt die Befürchtung auf, nu könnte meine Hand nur aus Pflichtbewusstsein mit gegenüber halten und mir über die eigenen Ressourcen und Grenzen hinaus versuchen Halt geben. Dies ist die Erfahrung, die ich als Baby sehr ausgeprägt mit meiner Mutter gemacht habe. Ich spreche dies aus und versichere mich, dass nu die eignen Grenzen wahrt. Nu schaut mich liebevoll an und bestätigt mir das.

Ich möchte mehr Körperkontakt und bitte jemand Zweites, meine andere Hand zu halten. Eingebettet in das Feld von Aufmerksamkeit, Zuneigung und Kontakt entsteht ein inneres Bild in mir. Es ist das eines Frosches, der sein Leben lang nur an Land herumhüpfen konnte und nun in Sicht- und Reichweite einen Teich entdeckt, in den er so gerne hineinspringen möchte. Ich teile dieses innere Bild mit der Gruppe und frage den Menschen, der meine linke Hand hält, ob sie mein Teich ist? Ihre Antwort lautet „Vielleicht“. Ich möchte mich gerne hinlegen und meinen Kopf in ihren Schoss kuscheln. Sie setzt sich bequem hin und lässt mich mich einkuscheln. Ihr Da-sein und die Berührung fühlen sich nach mütterlicher Geborgeneheit an. Ich bitte die anderen beiden Yonimenschen aus dem Feld, auch in Körperkontakt mit mir zu kommen. Sie geben mir am Rücken, an den Füssen und an einer Hand Halt. Ich vertraue ihnen. Ich liege in der Embryostellung. Plötzlich spüre ich in mir eine Bewegung, die sich anfühlt, wie wenn mein Körper sie in diesem Moment ausgeführt hätte. Es ist die Bewegung des Babys, welches sich im Bauch dreht, sodass der Kopf zuunterst ist. Wie ein halber Purzelbaum unter Wasser.

Mein erwachsener Körper liegt noch in derselben Position und möchte dort bleiben. Im Kopf fühle ich Druck und das Bedürfnis nach mehr Freiraum. Wir positionieren uns etwas um, damit ich diesen bekomme. Sobald ich mehr Platz habe, strecke ich mich und merke, wie haltlos und überfordert ich mich fühle. Ich gehe wieder in die Embryostellung, bitte wieder um Halt an meinem Kopf. In mir ist die Erinnerung daran, wie ich mich als Baby im Bauch meiner Mutter zu klein und zu eingeengt gefühlt habe, um mich soweit ausdehnen zu können, dass ich uns beide hätte emotional halten können. Nina sagt mir, dass es gerechtfertigt war, mich überfordert zu fühlen und dass es nicht meine Aufgabe war, als ungeborenes Baby meine Mutter und mich selbst zu stabilisieren. 

Plötzlich nehme ich wahr, dass sich das Gefühl auf meiner Haut verändert hat. Ich fühle mehr Druck, was ich damit verbinde, dass wir im Prozess weiter in der Schwangerschaft fortgeschritten sind und ich in der Gebärmutter gewachsen bin. Ich spüre, dass ich als ungeborenes Baby zu diesem Zeitpunkt Angst hatte, dass ich, wenn ich den Bauch verlasse, der mich zwar einengt, mich jedoch auch hält, jeglichen Halt verlieren werde. Nina fragt, ob ich die Hände auf meinem Körper spüren kann. Dies kann ich und es holt mich wieder aus der Angst zurück, allein im luftleeren Raum zu sein.

Nun beginne ich, klarer das Energiefeld des Lingammenschen in unserem Feld zu spüren. Ihn habe ich bisher nicht in körperlichen Kontakt gebeten. Das Energiefeld fühlt sich leicht bedrohlich an, da es kontinuierlich in meinem Umfeld ist, für mich aber nicht emotional fassbar ist. Ich verbinde dies mit der Erfahrung, wie mein Vater sich für mich als Baby im Bauch meiner Mutter angefühlt hat. Nina ermutigt mich, nicht zu sehr in die Vergangenheit abzutauchen und im Jetzt wahrzunehmen. Nun kann ich spüren, dass dieser Mensch mir Kontakt anbietet, mir jedoch Zeit lässt, mich darauf einzulassen. Ich bitte ihn, näher zu kommen und seine Hand mit der Handfläche nach oben in meine Nähe zu legen, sodass ich in meinem Tempo meine Hand in sein legen kann. Er strahlt Ruhe aus und kommt meinem Wunsch nach. Langsam begebe ich mich in den Kontakt unserer Hände. Ich bin etwas aufgeregt, diese Verbindung zu wagen. Es beruhigt mich, seine Entspannung zu spüren.

Zwischendurch fragt mich Nina, ob ich hören möchte, was die Menschen fühlen, die das Feld um mich herum halten. Das möchte ich gerne. Ich höre von allen, dass sie sich sehr entspannt fühlen. Jemand spricht von freudiger Erwartung in Bezug auf mich als Baby. Dies gibt mir das Gefühl, gesehen zu werden und sicher zu sein.

Ich möchte gerne mehr Körperkontakt mit dem Menschen, in dessen Schoss mein Kopf liegt und bitte sie, darum. Sie legt sich hinter mich, ich spüre ihren Körper an meinem Rücken. Nun bin ich rundum physich im Kontakt und alle fühlen sich für mich auch präsent und emotional im Kontakt an. Nun werden alle ganz still. Ich tauche ein in diese Ruhe und lasse alles, was ich fühle auf mich wirken. Irgendwann fragt mich Nina, wie es mir geht. Dank dieser Frage nehme ich bewusst wahr, dass alle meine Muskeln sich komplett entspannt anfühlen. Dies habe ich noch nie erlebt. Ich fühle Freude und geniesse diese Entspannung.

Reflexion und Feedbacks

Diese Entspannung zu erleben, war ein Schlüsselmoment für mich. Dadurch, dass ich die Erfahrung nachholen konnte, dass der Körper (in diesem Fall mehrere Körper) um mich herum wirklich entspannt ist und sich in Bezug auf mich liebevoll anfühlt, hat sich mein System zum ersten Mal vertrauensvoll in dieses Feld hinein entspannt. Ich bin dankbar dafür, dass ich dies erleben durfte und damit einen neuen Referenzpunkt bekommen habe.

Von den Feedbacks haben mich folgende Aussagen besonders berührt:

„Ich war ganz unvoreingenommen neugierig auf dieses Wesen, welches bald geboren wird und habe mich gefreut.“

„Es fühlt sich so an, dass der Schock sich lösen konnte, der dadurch entstanden ist, dass niemand auf deine Kontaktversuche reagiert hat.“

„Ich war so entspannt, dass ich sogar eingeschlafen bin. In mir war ein Gefühl wie das von Wellen, die in den Sand hinein auslaufen.“

„Ich war ganz weich, ganz Teich und voller freudiger Erwartung.“

„Mich hat berührt, so deutlich zu sehen, wie du Schmerz hinaus- und Liebe hineinfliessen lassen konntest. So klar habe ich das noch nie beobachtet.“

„Du warst so verkörpert. Dank dir habe ich neue Einblicke bekommen, wie sich ein Baby im Bauch fühlt. Und deine Bewegungen, als du langsam aus dem Prozess aufgetaucht bist waren so bewusst und in Zeitlupe, so verkörpert“

Der Abend und die Tage nach dem Prozess

Für die Nacht kommt mein Partnermensch zu mir. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist wichtig für mich, weiter emotional und körperlich im Kontakt sein zu können.

Am Morgen spüre ich Bewegungsimpulse, vor allem, dass ich mich mit den Füssen abstossen möchte. Für meine Absicht war die Phase der Schwangerschaft wichtig. Der Gewohnheit von ständiger Anspannung konnte dort die neue Erfahrung von Entspannung entgegengesetzt werden. Nun setzt mein Körper die Reise fort, ich fühle mich umgeben von Fruchtwasser, spüre energetisch die Nabelschnur. Leider reicht die Zeit nun nicht, um in diese Empfindungen einzutauchen. Ich habe abgemacht, meinen Hund wieder abzuholen. Ich bin traurig, dass kein Raum für meine Impulse da ist. Mein Partnermensch hält mich im Arm und ich weine. Am nächsten Morgen habe ich für mich alleine Zeit, den Empfindungen nachzugehen.

In den Tagen und Nächten nach dem Prozess fühle ich, dass in meinem Körper, in meinem Energiesystem viel passiert. Ich kann es nicht genau zuordnen, lasse es einfach geschehen. Es tut mir gut, mit Menschen aus der Prozessgruppe über Sprachnachrichten und telefonieren im Kontakt zu sein. Am zweiten Tag nehme ich draussen visuell viel mehr wahr als sonst. Plötzlich sehe ich Häuser und eine Strasse, die mir nie bewusst aufgefallen sind, obwohl ich den Weg schon oft gegangen bin. Es ist ein ähnliches Gefühl, wie als ich gegen Abschluss des Prozesses ganz vorsichtig die Augen aufgemacht habe und sie nach kurzer Zeit wieder schliessen wollte, weil die Eindrücke so intensiv waren. Am dritten Tag setze ich zwei Impulse um, die ich schon oft hatte, mich jedoch noch nie getraut habe, sie umzusetzen.

Fazit

Schon vor dem Geburtsprozess habe ich mit Unterstützung angefangen, mich aus meiner Erstarrung zu lösen und mich mehr lebendig zu fühlen. Der Geburtsprozess ist für mich ein wichtiges Puzzleteil auf diesem Weg. Ich bin beeindruckt und berührt davon, dass es möglich ist, über das intuitive Wissen des Körpers, darüber welche Impulse er hat, negative Erfahrungen neu und in gesunder Form erleben zu können. Darin habe ich für mich selbst und in den Prozessen der anderen, die ich als Mensch im Feld begleiten durfte, viel Heilung erlebt.

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